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04/2000 - TAZ - Kinder brauchen Spott im Fernsehen

Schweinchen im Kartoffelsack

Die Zukunft gehört der boshaften und rachelustigen Komik. Dringender Aufruf für eine neue Jahrhundert-Erziehung: Kinder brauchen Hohn, Spott und Häme
Seit den Zeiten Wilhelm von Humboldts zerbrechen wir Erwachsenen uns darüber den Kopf, was die noch nicht Erwachsenen fürs Leben brauchen: eine humanistische Bildung in der Aufklärung, eine harte Hand in der ersten Hälfte, eine Tracht Prügel in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, kernige Vorbilder am Anfang und einen Schutzengel in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts, frische Luft und Väter in den 50er-, neue Mütter und Märchen in den 60er-, Kreativ- und Freiräume in den 70er-, unverseuchte Luft und neue Väter in den 80er-, Grenzen in den 90er-Jahren.

Hoffentlich findet mit dem neuen Jahrzehnt wenigstens der Unfug mit den dummen Grenzen ein Ende. Besser wäre es selbstverständlich, wenn der ganze Kinder-brauchen-irgendwas-Spuk endgültig und für immer vorbei wäre. Solange aber tausende von Menschen dafür ausgebildet und bezahlt werden, dass sie darüber nachdenken, was Kinder brauchen, ist damit nicht zu rechnen. Immerhin haben die Pädagogen, Sozio- und Psychologen für die erste Dekade des 21. Jahrhunderts noch kein neues "Kinder brauchen ..." ausgerufen, ihr Pech. Denn nun rufe ich aus, was Kinder wirklich brauchen: Hohn, Spott und Häme. Es schadet den Zwergen nicht, wenn sie ausgelacht werden, wenn wir Erwachsenen mit spitzem Finger auf sie zeigen und brüllen: "Hallo, kleiner Westentaschen-Winnetou. Mit deiner Helly-Hansen-Jacke siehst du aus wie ein Schweinchen im Kartoffelsack!" Oder: "Nimm doch mal die Mundharmonika aus dem Mund - ach so, das ist deine neue Zahnspange!" Oder: "He Zwerg, trink aus der Toilette, wenn du Durst hast und nicht an den Kühlschrank kommst."

Kinder haben verlernt, zu spotten und Spott zu ertragen. Das ist traurig, denn eine Kindheit ohne Spott ist wie eine deutsche Comedy-Serie: langweilig und witzlos. Eine Kindheit voller Spott aber ist wie die "Simpsons": wahr wie wunderbar. Spott zeigt einem Kind, das am Konservatorium Klavier spielt, aufs Gymnasium geht, einen Computer mit Pentium 3 Prozessor besitzt, im Winter mit Mutti nach Davos und im Frühjahr mit Papi auf die Seychellen fährt, dass es trotz aller Privilegien ein gewöhnlicher Mensch ist. Es gibt nämlich nichts Schlimmeres als Kinder, die sich für etwas Besonderes halten. Genau das sieht man, um bei unserem Beispiel zu bleiben, der deutschen Comedy an: dass sie von Menschen gemacht wird, die sich in ihrer Kindheit für etwas Besonderes hielten und dies heute immer noch tun.

Spott dagegen treibt dem Kind gesunde Wut in die Adern und sorgt dafür, dass das verspottete Kind nun selbst über andere Kinder spottet. Boshaftigkeit und Rachelust entfalten so ihr kommunikatives und komisches Potenzial, was zu einer Steigerung unser aller Lebensqualität beiträgt. So entsteht ein Humorsystem des Spottens und Verspottet-Werdens, gleichsam als Nährboden eines lebenswerten Daseins.

Dreißig Jahre elend korrekter Erziehung mit Spott-Tabu und Grenzen-Gesülze haben die natürliche kindliche Gabe des Spottens verkümmern lassen, welch ein Jammer. Deshalb mein Aufruf für eine neue Erziehung: Verspottet die Kinder, denn wir haben diese Welt nur von ihnen geliehen. Wenn wir sie ihnen dereinst zurückgeben müssen, sollten wir sie nicht in die Hände hochnäsiger, humorloser Ex-Gymnasiasten legen, sondern in diejenigen gewitzter Menschen, denen ein gesundes Maß an Sarkasmus nicht fehlt. So lasst uns spotten, dass es eine Art hat, für unsere Zukunft und die Zukunft unserer Kinder. JOACHIM FRISCH

Hinweis:
Dreißig Jahre elend korrekter Erziehung mit Spott-Tabu und Grenzen-Gesülze haben die natürliche kindliche Gabe des Spottens restlos verkümmern lassen, welch ein Jammer.

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